Da muss doch mehr möglich sein ...

Warum es auch gut sein kann, sich gegen die wohl gemeinten Ratschläge entscheiden.

Heute ist Roman Lenzhofer 40 Jahre alt und Institutsleiter eines psychologischen Zentrums in Bayern. Er beschäftigt sich mit dem Mensch und seinen alltäglichen Irrungen und Wirrungen. Mit Lebensphasen und individuellen Antwortfindungen. Welchen Weg soll ich gehen? Wohin möchte ich? Welcher Beruf passt zu mir? Wer bin ich? Und: Schaff ich das alles?

von Andrea Folie | | Einblicke

Fragen, die sich Roman vor einigen Jahren noch selber stellte. Was er heute als Zufall bezeichnet, beschreibt gleichzeitig einen eher unkonventionellen Bildungsweg. Denn als Erstgeborener waren die Weichen für eine Zukunft am elterlichen Bauernhof in Kärnten schon gelegt. So war es immer und so sollte es auch weiterhin sein. Aber Roman entschied sich für eine nicht vorher festgelegte Abzweigung.

Die vorprogrammierten Jahre

Die ersten Bildungsjahre verliefen nach Plan. Von der Hauptschule in den polytechnischen Lehrgang, etwa zweieinhalb Kilometer vom Elternhaus entfernt. Das gesamte Leben auf engem Raum – nahe an der Familie und eine klar definierte Zukunft vor Augen. Dass er eigentlich eine HTL besuchen wollte, wurde ihm weder zugetraut noch von Seiten der Lehrerschaft unterstützt.

„Da wurde noch gelacht, als ich meinen HTL-Wunsch äußerte,”

so Roman. Enttäuscht hat ihn dieses Lachen, ein wenig hallt es heute noch nach. Nachdem für ihn nichts anderes vorgesehen war, musste er sich fügen. Eine Lehre zum Elektriker.

Mathe und Physik waren seine Fächer. Enthusiastisch studierte er Hintergründe, Details, Mechanismen und Zusammenhänge. Bald bemerkte er seine Überlegenheit gegenüber den Lehrer_innen und forderte sie mit seinem fachlichen Wissen und Können stets heraus. Denn mit den vorgegebenen Lernanforderungen war er schlichtweg unterfordert. So entstand auch aus einer Langeweile heraus die Idee, die Abendschule für Elektrotechnik in Klagenfurt zu besuchen.

Die Abendschule mit Kafka und Böll

Die Abendschule war ein erster Wendepunkt. Die räumliche Distanz zur Heimat bedeutete Emanzipation und Freiheit. Genau das Richtige für einen Freigeist wie Roman. So suchte er sich eine etwas abweichende Lösung. Genauer: „Contrapunkt“. Im Grunde ein sozialökonomischer Betrieb für schwer erziehbare Jugendliche. Und Roman freiwillig mittendrin. Denn der sozialökonomische Betrieb versucht, jungen Menschen eine berufliche Perspektive, einen Lebensinhalt und eine alltägliche Routine zu geben. Roman hingegen nutzte das abendschulfreundliche Umfeld, um tagsüber bei „Contrapunkt“ etwas Geld zu verdienen und abends die Ausbildung zum Elektrotechniker zu beenden.

Nebenbei entdeckte er sein Interesse für psychologische Denkmuster, Herangehensweisen und Hilfestellungen. Zusätzlich gab es aber auch noch Kafka und Böll in der Abendschule, für deren Literatur sich eine junge Deutschlehrerin stark machte. Der unendliche Horizont der Worte bedeutete ein weiterer Wendepunkt im Leben des jungen Roman. Eine Wende, um endgültig über den Tellerrand zu blicken und mit zusätzlichen Sachbüchern wie Watzlawick den eigenen Wissensdurst zu stillen.

Der Pragmatismus und seine Ideen

Trotz der Fülle an neuem Wissen war noch nicht ganz klar, wohin die Bildungsreise gehen sollte. Fest stand nur, dass es ein Studium sein sollte. Das örtliche Angebot war allerdings sehr begrenzt. Es gab nicht mal eine Bücherei im Dorf, geschweige denn eine Beratungsstelle oder ein gut funktionierendes Internetnetz. Laut Roman mangelte es an der Verfügbarkeit von Wissen. Das Selbsterhalterstipendium war der Schlüssel zum Studium und die damals allbekannten Karteikästchen an der Uni das Tor zur Psychologie. Ein Studienfach mit interessanten Kursen, noch ein Stückerl von Kärnten entfernt und wahrscheinlich zukunftsträchtig.

Außerhalb der Notwendigkeit findet sich die Zukunft

Genug hat er auch jetzt noch nicht. Als Leiter eines psychologischen Zentrums bildet er sich in der klinischen Psychologie weiter. Wobei die Zertifikate eher als Zugang zu weiteren beruflichen Möglichkeiten gesehen werden, als Mittel zum Zweck reduziert. Für Roman ist die heutige Bildungsdebatte in einem Dilemma. Bildung mutiert zur Ausbildung. Gleichzeitig kann Bildung nicht ausbilden. Denn Bildung muss frei sein. Durch den Ausbildungscharakter verliert sie an Autonomie. Nur außerhalb der Notwendigkeit findet sich das eigentliche Interesse für eigene Bildungswege.

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Psychologie Studium

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Studium an Universität

Dauer: 

  • Bachelor 6 Semester
  • Master 4 Semester

Voraussetzungen:

  • Studienzulassung mit allgemeiner Hochschulreife (z.B. Matura oder Abitur, Berufsreifeprüfung, u.a)

Verschiedene Spezialisierungen:

  • Verkehrspsychologie
  • Werbepsychologie
  • Rechtspsychologie

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HTL

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Auch der Abschluss der HTL kann in einer Abendschule (für Berufstätige) nachgeholt werden. In Salzburg hast du dazu die Möglichkeit in den Fachbereichen Maschineningenieurwesen, Hochbau und Elektrotechnik.

Abteilungen:

  • Bautechnik: Hoch- und Tiefbau
  • Grafik und Medien
  • Elektronik  und Technische Informatik
  • Biomedizin und Gesundheitstechnik
  • Maschinenbau
  • Elektrotechnik

Voraussetzungen:

  • Mindestalter 17 Jahre
  • Abgeschlossene Schulpflicht

Gut zu wissen...

  • Dauer: ohne berufliche Vorbildung  8 Semester +2 Semester Vorbereitungslehrgang;
    mit Fachschulabschluss oder für Werkmeister 6 Semester.
  • Es entstehen keine Kosten.
  • Nach dem Abschluss und 3-jähriger Berufspraxis bekommt man dem Ingenieurtitel.

Hilfreiche Links:

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Selbsterhalterstipendium

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Voraussetzungen:

  • Nachweisliche Arbeitszeit: vier Jahre (48 Monate) vor dem ersten Beihilfenbezug 
  • Einkünfte jährlich zumindest € 8.580,- (Brutto minus Sozialversicherung)
  • Zeiten des Präsenz-, Ausbildungs- oder Zivildienst bzw. Dienste nach dem Freiwilligengesetz gelten jedenfalls als Zeiten des Selbsterhaltes.
  • Waisenpension und Lehrzeiten können bei entsprechender Höhe bei der Ermittlung des Selbsterhaltes berücksichtigt werden.
  • Eine Sonderregel besteht hinsichtlich der Altersgrenze. Die allgemeine Altersgrenze von 30 Jahren (zu Studienbeginn) erhöht sich, wenn sich die Studentin/der Student länger als 4 Jahre selbst erhalten haben. Die Altersgrenze erhöht sich für jedes volle Selbsterhalter-Jahr zusätzlich um ein weiteres Jahr, jedoch maximal um insgesamt 5 Jahre.

Wichtig:

  • Bei der Berechnung werden die Einkünfte der Eltern nicht miteinberechnet, nur das Einkommen des Ehepartners/der Ehepartnerin
  • Studienerfolg ist nachzuweisen
  • Das Stipendium ist für das gesamte Studium (Mindeststudiendauer + Toleranzsemester) 12 Mal im Jahr zu beziehen

Hilfreiche Links:

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Schlagwörter: Berufswechsel, Matura, Bildungsberatung, Selbsterhalterstipendium, 2. Bildungsweg
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Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.

von Andrea Folie
Andrea Foliemask

Über die Autorin

Andrea Folie

Langjährige Erfahrung in der Kulturvermittlung, Netzwerktätigkeit und internationalen Gastspiel­tätig­keit von Theater­produktionen und Work­shops. Ideen­geberin Verein "Ikult.Inte­rkulturelle Projekte und Konzepte", Projekleitung "Ankommenstour Querbeet". Assistentin der Geschäfts­führung Dachver­band Salz­burger Kulturs­tätten. Immer wieder als freie Texterin tätig.

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