Flexible Arbeitszeiten für eine gute Work-Life-Balance?

Echte Vereinbarkeit benötigt mehr selbstbestimmte Zeit!

Es ist ein Irrtum, dass flexible Arbeitszeiten die Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit verbessern. Was es hingegen braucht: mehr selbstbestimmte Zeit!

von Bernd Wimmer, Michaela Schmidt & Florian Preisig (AK-Salzburg) (Gastautor_in) | | Angeeckt

Nicht erst im Rahmen der Diskussion um den 12-Stundenarbeitstag und der 60-Stundenarbeitswoche wird der Begriff "Work-Life-Balance" überstrapaziert.

Unter Work-Life-Balance wird ein Zustand verstanden, in dem Erwerbsarbeit und andere Lebensbereiche wie Familie, Ehrenamt, Zeit für sich, … sich möglichst nicht behindern und miteinander vereinbar werden.

Als Lösung der Vereinbarkeitsproblematik wird vor allem eines diskutiert: Arbeitszeitflexibilisierung. Doch entgegen der häufigen Behauptungen führt eine flexible Verteilung von Arbeitszeit keineswegs automatisch zu einer verbesserten Work-Life-Balance.

Wie der Arbeitsklimaindex zeigt, haben Beschäftigte mit fixen Arbeitszeiten ein besseres Arbeitsklima als Gleitzeitbeschäftigte. Flexible Arbeitszeitformen wie Gleitzeit werden in Salzburg offenbar nicht im Sinne der Beschäftigten eingesetzt, sondern folgen dem Rhythmus der Unternehmen. Das bedeutet, dass Arbeitszeiten von Beschäftigen an die Anforderungen "des Marktes" angepasst werden. Etwas, das sich beispielsweise in langen Arbeitszeiten und ständiger Erreichbarkeit äußert und in hohen Organisationsaufwand und Zeitarmut resultiert.

Wie wirken sich lange Arbeitszeiten, ständige Erreichbarkeit und der daraus entstehende Zeitmangel auf unser Leben aus? Das Team der AK-Salzburg klärt auf:

Lange Arbeitszeiten

Medizinische Studien zeigen deutlich: Lange Arbeitszeiten können durch Freizeitblöcke nicht ausreichend kompensiert werden. Sie wirken sich nicht nur negativ auf die Gesundheit (höheres Unfallrisiko, höheres Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko, Depressionsrisiko) und das allgemeine Wohlbefinden aus, sondern senken auch nachweislich die Zufriedenheit mit der Vereinbarkeit von unterschiedlichen Lebensbereichen: Längere  Arbeitszeiten schränken die verfügbare Zeit für familiäre, kulturelle, politische bzw. soziale Aktivitäten ein.

Wie der Arbeitsklimaindex zeigt, sind Beschäftigte mit  einer geringeren Wochenstundenanzahl, was die  Vereinbarkeit von Arbeit und persönlichen Bedürfnissen betrifft, weitaus zufriedener als jene, die längere Arbeitszeiten haben.

Ständige Erreichbarkeit

Die ständige Erreichbarkeit von Arbeitnehmer_innen in Freizeit, Urlaub und Krankenstand steigt. Obwohl es rechtlich gesehen keine Verpflichtung zur ständigen Erreichbarkeit gibt, erwarten sich 45 Prozent der österreichischen Unternehmen eine Verfügbarkeit ihrer Mitarbeiter_innen auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten.  

Smartphone, Laptop und Co. machen es heute in vielen Arbeitsbereichen möglich, orts- und zeitungebunden zu arbeiten. Mit der Folge, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen:  Mehr als jeder dritte (35 Prozent) Beschäftigte in Österreich arbeitet bereits in der Freizeit, fast jeder Fünfte (18 Prozent) im Urlaub.

Wie eine Studie der Arbeiterkammer NÖ und der TU Wien zeigt, sind im Dienstleistungsbereich bereits 70 Prozent der Arbeitnehmer_innen in der Freizeit "für den Job" erreichbar. Ein starker Anstieg an psychischer Belastung steht damit in direktem Zusammenhang: Der Anteil der Beschäftigten mit Depressionserscheinungen liegt bei jenen, die in ihrer Freizeit nicht oder kaum erreichbar sind, bei 11,3 Prozent. Bei Beschäftigten mit einem hohen Maß an Erreichbarkeit liegt dieser Wert bereits mehr als doppelt so hoch (24 Prozent), wie aus dem DAK-Gesundheitsreport hervorgeht.

Ständige Erreichbarkeit kann sich darüber hinaus auf die Schlafqualität und Konzentrationsfähigkeit auswirken, ebenso wie auf das Sozial- und Familienleben. 23 Prozent derer, die auch in ihrer Freizeit verfügbar sein müssen, fühlen sich zu erschöpft, um ihren privaten Verpflichtungen wie Haushalt oder Kinderbetreuung nachzukommen.

Zeitarmut

Zeitdruck und Stress sind die häufigsten Belastungen in der Arbeitswelt von heute. 39 Prozent der Erwerbstätigen in Österreich arbeiten mittlerweile immer oder häufig unter Zeitdruck, mehr als 50 Prozent nennen ständigen Stress als Belastung. Neben Zeitnot im Job haben immer mehr Beschäftigte das allgemeine Gefühl, keine Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu haben. Stephan Lessenich spricht deshalb davon, dass Zeitarmut zum Zeichen unserer Zeit geworden ist.

Viele Beschäftigte sagen heute: „Ich will mehr Zeit für die Familie und für mich".

Nur eine absolute Minderheit an Beschäftigten, mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von mehr als 35 Stunden, hegt den Wunsch nach längeren Arbeitszeiten. 76 Prozent aller Arbeitnehmer_innen, die mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten, möchten diese Zeit gerne reduzieren.  

Wie eine junge Studie der AK Wien und SORA zeigt, haben Beschäftigte mit Arbeitszeiten um die 30 Stunden nicht nur weniger psychische und körperliche Belastungen als Vollzeitbeschäftigte, auch die Vereinbarkeit von Job und Familie wird von dieser Gruppe besser bewertet als von Vollzeitarbeitenden.

Ein gutes Leben für alle: Mehr selbstbestimmte Zeit!

Seit den 1980er Jahren und dem aufgegebenen Kampf um eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung sehen wir eine bedenkliche Entwicklung: Die „moderne“ Arbeitswelt bewegt sich weg von der Utopie gleichverteilten (Zeit)Wohlstands. Trotz fortschreitender Technologisierung steigen Arbeitsdruck und Arbeitszeit.

Anstelle einer Ausdehnung und weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeit und der Erhöhung von Zeit- und Konkurrenzdruck bräuchte es eine Arbeitszeitverkürzung und eine gerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit – nicht zuletzt zwischen Männer und Frauen.

„Denn echte Vereinbarkeit bedeutet, neben der Erwerbsarbeit genügend Zeit und Energie zur Verfügung zu haben, um sich der Pflege- und Betreuungsarbeit in der Familie zu widmen, sich politisch und kulturell zu engagieren und zudem noch Zeit für sich selbst, für Bildung und Muße zu haben.”

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Schlagwörter: Neue Arbeit, Familie&Beruf
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