"Ich werd dann mal E-Gamerin!"

Warum nicht? Berufe verändern sich, und es liegt an uns, offen für Neues zu sein.

Was tun, wenn unsere Kinder plötzlich Social-Media-Expert_in oder Robotiker_in werden wollen, oder schlimmer noch, E-Gamer_in?

von Wolfgang Bliem | | Ratgeber

Die Berufs- und Arbeitswelt verändert sich; rasch und nachhaltig. Manche (wenige!) Berufe verschwinden, neue kommen hinzu, aber ALLE verändern sich. Viele Entwicklungen werden angetrieben durch den zunehmenden Einsatz digitaler Technologien, was kommt und geht ist schwer zu fassen.

Ein Gedankenspiel

Um sich die Veränderungen in der Berufswelt bewusst zu machen, kann es hilfreich sein, sich folgende Frage zu stellen, vielleicht gemeinsam mit Freunden oder in der Familie:

Welche fünf Berufe fallen uns ein, die in den letzten zehn Jahren völlig und ersatzlos aus der Arbeitswelt verschwunden sind? Und dann überlegen wir uns fünf Berufe, die es vor zehn Jahren tatsächlich noch nicht gegeben hat?

Selbst Profis aus der Bildungs- und Berufsberatung kommen bei dieser Übung ordentlich ins Schwitzen und finden nur schwer Berufe, die wirklich völlig verschwinden. Viele verändern sich, zum Teil grundlegend: der Lehrberuf Geoinformationstechnik hat beispielsweise nur noch wenig mit seinem Vorgänger Kartograph_in gemeinsam. Manche verlieren insgesamt an Bedeutung, bleiben in ihrem Bereich aber erhalten. Auch wenn heute jede_r dank digitaler Kameras, Smartphones und einfacher Bildbearbeitungsprogramme selbst tolle Fotos machen kann, wird es auch weiterhin Berufsfotograf_innen als echte Profis geben, die nicht einfach nur Fotos schießen, sondern Kunstwerke erschaffen.

Neue Berufe oder Tätigkeitsbereiche sind da schon leichter zu finden. Vieles davon hat mit Informationstechnologie, Sozialen Medien und neuen Kommunikationsformen zu tun, auch die Stichworte E-Commerce, Data Science und 3D-Druck fallen häufig.

Ob Youtuber_in, Blogger_in, E-Gamer_in, Influencer_in überhaupt Berufe sind, kann man diskutieren, aber es gibt Menschen, die damit Geld verdienen, oft vielleicht auch nur vorübergehend. Viele Jugendliche jedenfalls begeistern sich dafür, während wir Erwachsenen dem oft skeptisch oder verständnislos gegenüberstehen.

Dabei sollten wir diese Begeisterung und das Interesse vieler Jugendlicher (und nicht nur dieser) für digitale Technologien auch in der Orientierung für die Bildungs- und Berufswahl aktiv nutzen.

Mein Aha-Erlebnis

Vor kurzem haben mich zwei Jugendliche in die Welt des E-Sports eingeführt, also dem Spielen spezieller Computerspiele auf professionellem Niveau gegen andere Teams. Dieser kleine Einblick hat mir deutlich gezeigt, wie wichtig es ist, sich auf die Lebenswelt unserer Jugendlichen einzulassen und sie ernst zu nehmen. Mir wurde eine unglaublich faszinierende und komplexe Welt eröffnet.

Keine Spur von Desinteresse, Aufmerksamkeitsdefiziten oder fehlendem Engagement, Eigenschaften, die jungen Menschen gerne angedichtet werden. Im gemeinsamen Austüfteln komplexer Strategien für schwer vorhersehbare Spielsituationen, in stundenlangem Training und in der digitalen Kommunikation auch mit internationalen Kontakten entwickeln die Gamer_innen hier Fähigkeiten, die in der Arbeitswelt immer wichtiger werden: beispielsweise in komplexen Zusammenhängen denken, Probleme lösen, unter Druck Entscheidungen treffen, im Team kommunizieren und arbeiten, rasch und flexibel zu reagieren.

8-12 Stunden täglich über eine Liveübertragung online Computerspielen - so schaut Julias Berufsalltag aus.

Zugegeben eine sehr spezielles Beispiel, das aber aktiver Bestandteil der Lebenswelt vieler junger Menschen ist und sich auf viele andere Interessensbereiche von Jugendlichen übertragen lässt. Das weit verbreitete Bild, dass sich junge Menschen heute für nichts interessieren, entsteht vielleicht deshalb, weil wir uns selbst zu wenig für die Dinge interessieren, die unsere Kinder begeistern.

„Was immer ihr tut, wo immer eure Interessen liegen, ihr entwickelt dabei Fähigkeiten, die für euer ganzes Leben wichtig sein können!”

Egal ob Mode, Musik, soziale Medien, Reisen, Umwelt, soziales Engagement oder eben E-Sport, die Interessen sind so vielfältig, wie die Jugendlichen selbst: Was immer Menschen tun, wo immer ihre Interessen liegen, sie entwickeln dabei Fähigkeiten, die für das ganze Leben – beruflich, gesellschaftlich oder privat – wichtig sein können.

Was ist zu tun?

Die Aussage "Ich werde E-Gamer!" sollte bei uns werder verständnisloses Stirnrunzeln noch mitleidiges Lächeln auslösen. Natürlich wird nicht jede Begeisterung zwangsläufig in einer Ausbildung und beruflichen Tätigkeit münden. Manches wird realistisch betrachtet ein Hobby bleiben müssen. Der Bedarf an E-Gamer_innen und Youtuber_innen ist begrenzt. Aber auch der Bedarf an Profifußballer_innen, Klavierbauer_innen und Musicaldarsteller_innen ist begrenzt und doch gibt es sie.

Und die Nachfrage nach E-Commerce-Kaufleuten, Datenanalyst_innen, Robotiker_innen, 3D-Druckspezialist_innen und Mechatroniker_innen wächst oder hat gerade erst begonnen sich zu entwickeln. Wer sich für E-Gaming interessiert, lässt sich vielleicht auch für E-Commerce, Data-Science oder Robotik begeistern.

Unser Job als Eltern, Großeltern, Freunde, ... ist es:

  • die Interessen hinter den Wünschen zu erkennen und ernst zu nehmen,
  • selbst ehrliches Interesse dafür zu zeigen,
  • uns selbst und unseren Kindern bewusst zu machen, welche Fähigkeiten sie entwickeln, wenn sie ihre Interessen ausleben,
  • gemeinsam mit den Jugendlichen und vielleicht mit der Unterstützung von Beratungsprofis daran zu arbeiten, ob und wie diese Interessen und Fähigkeiten für ein Ausbildungs- und Berufsziel nutzbar gemacht werden können,
  • ausgefallene Berufs- und Ausbildungswünsche zulassen und stärken, gleichzeitig aber als kritische Partner_innen hinterfragen und Alternativen entwickeln,
  • einen sicheren Rückhalt bieten, wenn die Realisierung – aus welchen Gründen auch immer – nicht funktioniert.

Und wir sollten uns aktiv mit den Veränderungen in der Arbeits- und Berufswelt auseinander setzen (nicht nur für unsere Kinder, auch für uns selbst). Es ist wichtig zu verstehen, was sich verändert und warum es sich verändert, um neue Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten erkennen und einschätzen zu können.

Tipp: Wenn du wissen willst, was hinter den hier verwendeten Berufsbezeichnungen steckt, besuche www.bic.at.

Gewusst wie...

Lehrberuf: E-Commerce Kaufmann/-frau

Inhalt anzeigen

Das neu entstandene Berufsbild des/der E-Commerce Kaufmannes/-frau ist seit 1.Juni 2018 ein eigenständiger Lehrberuf.

Inhalt des Berufsbildes ist die Auseinandersetzung aller Facetten des Online-Handels. E-Commerce Kaufleute betreuen Onlineshops, Webshops und Internet-Verkaufsplattformen; sie bearbeiten Bestellungen, Kundenanfragen, Reklamationen und betreuen die dazugehörigen Website und Onlinekataloge. Darüber hinaus bearbeiten sie Warendaten, Fotos, Videos und verbessern die Auffindbarkeit ihrer Waren in Suchmaschinen, indem sie das Such- und Kaufverhalten der Kunden und Kundinnen analysieren.

Ausbildungsart: Lehre

Dauer: 3 Jahre

Form: Vollzeit

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Schlagwörter: Elternratgeber, Berufswahl, Digitalisierung
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Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.

von Wolfgang Bliem
Wolfgang Bliemmask

Über den Autor

Wolfgang Bliem

Wolfgang Bliem ist mit Haut und Haar der Berufsinformation verfallen. Am ibw - Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft betreut er unter anderem die Berufsinfo-Plattform BIC.at, sein wichtigstes Projekt. Sein bislang coolstes Projekt ist aber das Brettspiel „Abenteuer Berufswahl“. Eine besondere Herausforderung in seiner Arbeit ist derzeit (und wohl noch lange) das Thema „Zukunft der Berufs- und Arbeitswelt“.

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