Bildungs- und Berufswahl: Was können wir als Eltern tun?

Welche Rolle haben Eltern bei der Berufswahl ihrer Kinder?

Berufswahl begleiten, Unterstützung anbieten, wo sie gebraucht und gewollt wird, einen sicheren Rückhalt für Entscheidungen geben, ohne diese abzunehmen oder gar aufzuzwingen. Das ist unsere Rolle als Eltern in der Bildungs- und Berufswahl unserer Kinder.

von Wolfgang Bliem | | Ratgeber

Beim Übergang von der Unterstufe in eine weiterführende Ausbildung stehen Jugendliche vor einer nahezu unüberschaubaren Fülle an Bildungsangeboten. Rund 200 verschiedene Lehrberufe, dutzende berufsbildende Schultypen mit hunderten Spezialisierungen, AHS-Oberstufen und zahlreiche Spezialausbildungen sollen mit den eigenen Interessen und Fähigkeiten und den Chancen am Arbeitsmarkt in Einklang gebracht werden. Das alles vor dem Hintergrund einer sich immer rascher verändernden Arbeits- und Berufswelt.

Freunde, Lehrer_innen, Vorbilder (Role Models), Bildungs- und Berufsberater_innen, Medien, Informationsmaterialien usw. haben manchmal großen Einfluss auf die Bildungs- und Berufswünsche von Jugendlichen. Am größten ist aber immer noch unser Einfluss als Eltern (auch wenn sich das die Jugendlichen und wir uns selbst oft nicht eingestehen): sei es durch unsere direkte Unterstützung und unsere Ratschläge oder durch indirekte und unbewusste Vorbildwirkungen. Das bedeutet für uns Eltern eine große Verantwortung. Gilt es doch, die jungen Menschen ihren eigenen Weg finden zu lassen, ihnen die Entscheidungen nicht abzunehmen oder gar aufzuzwingen.

Dazu kommt, dass diese Zeit der ersten Bildungs- und Berufswahl mit der Pubertät des Kindes zusammenfällt. Stimmungsschwankungen, Trotzreaktionen, manchmal Aggressionen usw. stehen auf der Tagesordnung und erfordern Geduld und Einfühlungsvermögen. Manche haben schon sehr konkrete Vorstellung über ihren weiteren Bildungs- und Berufsweg und brauchen von ihren Eltern vor allem die Freiheit und den Rückhalt diesen Weg auch gehen zu können. Andere sind planlos oder es stehen ganz anderen Themen im Mittelpunkt ihrer Lebenswelt. Es wird also für die einzelnen Jugendlichen ein sehr unterschiedliches Maß an Unterstützung und Begleitung notwendig sein.

„Die erste Bildungs- und Berufswahl ist keine Lebensentscheidung mehr!”

Natürlich ist es wichtig, dass der Start in die Berufsausbildung und damit ins Arbeits- und Berufsleben gut gelingt. Schließlich sollen unsere Kinder Freude und Erfolgserlebnisse in ihrer Ausbildung und in ihrem Beruf haben und nicht frustriert, überfordert oder gelangweilt werden. Mit den ersten Erfolgen steigen außerdem die Motivation und das Selbstvertrauen. Deshalb ist es wichtig, dass die Entscheidung für einen Ausbildungsweg gut überlegt und vorbereitet wird.

Aber:

Mehrfache Um- und Neuorientierung ist in einer dynamischen Arbeits- und Berufswelt alltäglich. Viele Tätigkeiten/Berufe, die unsere Kinder einmal ausüben werden, gibt es heute wahrscheinlich noch gar nicht. Wir sollten uns also zu allererst von der Vorstellung der Bildungs- und Berufswahl als Lebensentscheidung lösen, und damit den Druck für uns selbst und unsere Kinder abbauen. Eine falsche Schul- oder Ausbildungswahl und ein möglicher Ausbildungsabbruch, aus welchen Gründen auch immer, bedeuten nicht Scheitern oder Versagen. Sie bedeuten vor allem wichtige Erfahrungen für eine Neuorientierung zu sammeln. Entscheidend ist es, gemeinsam nach den geeigneten Alternativen zu suchen.

Ebenso wichtig ist es aber auch, nicht jeder Laune oder jedem Motivationstief nachzugeben und unsere Rolle als Eltern auch darin zu sehen, zum Durchhalten anzuspornen und Rückhalt in schwierigen Situationen zu bieten.

Was können wir als Eltern konkret tun?

  • Unsere Kinder kennen: Wir sollten schon früh damit beginnen, zu beobachten, wo die Interessen, Neigungen, Stärken und Begabungen (aber auch die Schwächen) unserer Kinder liegen. Es gibt nie nur eine geeignete Ausbildung/einen geeigneten Beruf, sondern immer verschiedene, die mehr oder weniger gut zur jeweiligen Person passen. Um diese unterschiedlichen Möglichkeit gut eingrenzen zu können, ist es wichtig, dass wir unsere Kinder (und sie sich selbst) bestmöglich kennen.
     
  • Einschätzungen abgleichen: Sehen wir als Eltern unsere Kinder so, wie diese sich selbst sehen? Das heißt, passen unsere Beobachtungen und Einschätzungen mit der Selbsteinschätzung unserer Kinder zusammen? Im Vergleich lernen wir vielleicht neue Seiten an unseren Kindern kennen, die Rückschlüsse auf Ausbildungsmöglichkeiten zulassen, an die wir und unsere Kinder bisher nicht gedacht haben? In Gesprächen und zum Beispiel mit Hilfe von Checklisten lassen sich die Einschätzungen abgleichen.
     
  • Berufswünsche ernst nehmen: Wir sollten Berufsvorstellungen (auch ausgefallene) grundsätzlich ernst nehmen, gleichzeitig aber auch über Alternativen sprechen, sollte es mit dem Wunschberuf mit der Wunschausbildung doch nicht klappen. Dazu gehört auch das kritische Hinterfragen der Wünsche, nicht um zu entmutigen, sondern um dem Kind zu helfen, die eigenen Vorstellungen auf Realisierbarkeit zu prüfen.
     
  • Erfahrungsräume schaffen: Praktische Einblicke in die Arbeits- und Berufswelt gehören zu den wichtigsten Entscheidungsgrundlagen in der Bildungs- und Berufswahl. Daher sollten wir unseren Kindern Gelegenheiten bieten, eigene Erfahrungen zu sammeln. Bei berufspraktischen Tagen/Wochen in der Schule und anderen Schnuppermöglichkeiten können Jugendliche Tätigkeiten selbst ausprobieren, die Arbeitsumgebung und die Arbeitsbedingungen kennenlernen und so die eigenen Vorstellungen mit der betrieblichen Realität abgleichen. Auch weiterführende Schulen bieten oft Schnuppermöglichkeiten an.
     
  • Eigene Erfahrung weitergeben und Neugierde wecken: Auch indem wir von der eigenen Arbeit und der eigenen Berufswahl erzählen, ermöglichen wir unseren Kindern Erfahrung zu sammeln. Was hat UNS zu unserer Berufswahl motiviert? Welche Zwänge hat es für UNS damals gegeben? Welche unterschiedlichen Berufe haben wir bereits ausgeübt? Wir können einen Einblick in die Abläufe und Regeln bei unserer Arbeit geben, über unseren Berufsalltag erzählen, was uns daran gefällt, aber auch was wir daran weniger mögen.
     
  • Selbstständigkeit fördern: Während der Berufsausbildung wird meist schon sehr viel Selbstständigkeit verlangt. Wir können diese Eigenständigkeit unserer Kinder fördern, indem wir ihnen zum Beispiel schon früh Verantwortung für bestimmte Aufgaben im Haushalt übertragen.
     
  • Berufe und Ausbildungen nicht werten: Natürlich haben wir gewisse wertende Vorstellungen von Berufen und Ausbildungen. Image, Verdienstmöglichkeiten, stereotype Geschlechterrollen, unser soziale Stellung und der eigene Bildungshintergrund spielen dabei oft eine große Rolle. Wir sollten versuchen, diese Werturteile auszublenden und die Interessen und Begabungen unserer Kinder in den Mittelpunkt der Entscheidungsfindung zu stellen.
     
  • Eigene Wünsche ausblenden: Manchmal übertragen wir auch unsere eigenen unerfüllten Berufswünsche auf unsere Kinder und ganz bestimmte Erwartungshaltungen steuern unsere gut gemeinten Ratschläge. Wir sollten daher versuchen, die eigenen Traumberufe auszublenden, um unseren Kindern eine eigenständige Bildungs- und Berufswahl zu ermöglichen. Unsere Kinder sollen nicht das Leben leben müssen, das wir glauben versäumt zu haben.
     
  • Informieren: Viele Gespräche mit Eltern zeigen, dass wir die unterschiedlichen Möglichkeiten des Bildungssystems oft zu wenig kennen, über die Voraussetzungen und Chancen nur wenig wissen und zum Teil überholte Vorstellungen von der Berufs- und Arbeitswelt haben. Wenn wir uns die eigene Uninformiertheit eingestehen, bietet das die Chance gemeinsam mit unseren Kindern die nötigen Informationen zu erarbeiten, etwa auf Berufsinformationsseiten im Internet oder bei Beratungsgesprächen in Bildungs- und Berufsberatungseinrichtungen.
     
  • Motivator_in und Tröster_in: Die Suche nach einem Ausbildungsplatz (ob Schule oder Lehre) wird auch immer wieder zu Absagen und damit zu Verunsicherung und Frustration führen. In diesen Phasen sollten wir durch Trost und vor allem durch Motivation unterstützen.
     
  • Früh beginnen: Bildungs- und Berufswahl braucht Zeit. Die Entscheidung über den weiteren Ausbildungsweg muss etwa zur Hälfte der 8. Schulstufe getroffen werden. Der Berufsorientierungsunterricht beginnt in der 7. Schulstufe. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollten wir auch zu Hause beginnen über weitere Ausbildungen und spätere Berufe zu sprechen.
     
  • Unterstützungsangebote nutzen: Damit der Start in die Ausbildung und ins Berufsleben gelingt, werden Jugendliche von der Schule und unterschiedlichen Beratungsstellen unterstützt. Als Eltern können wir uns beispielsweise bei den zuständigen Lehrer_innen erkundigen, welche Berufsorientierungsaktivitäten geplant sind, welche Einrichtungen und Veranstaltungen besucht werden, um diese Aktivitäten auch zu Hause zu besprechen und am Laufenden zu bleiben.

Der Wunsch, unseren Kindern eine weitgehend freie Wahl ihres Berufs- und Ausbildungsweges nach ihren eigenen Interessen und Begabungen zu ermöglichen, darf nicht dazu führen, sie mit dieser so komplexen Herausforderung allein zu lassen.
Als Eltern müssen wir als zuverlässige Begleiter den Jugendlichen die Unterstützung und den notwendigen Rückhalt für ihre eigenständigen Entscheidungen geben.

Dieser Text ist zuerst in den Salzburger Nachrichten erschienen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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Schlagwörter: Berufswahl, Ausbildung, Bildungsberatung, Familie&Beruf, Weiterbildung
von Wolfgang Bliem
Wolfgang Bliemmask

Über den Autor

Wolfgang Bliem

Wolfgang Bliem ist mit Haut und Haar der Berufsinformation verfallen. Am ibw - Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft betreut er unter anderem die Berufsinfo-Plattform BIC.at, sein wichtigstes Projekt. Sein bislang coolstes Projekt ist aber das Brettspiel „Abenteuer Berufswahl“. Eine besondere Herausforderung in seiner Arbeit ist derzeit (und wohl noch lange) das Thema „Zukunft der Berufs- und Arbeitswelt“.

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