"Mein Leben dauert länger als die Schule."

Nicht jede_r fühlt sich im System der klassischen Tagesschule wohl, was noch lange nicht heißt, dass man deshalb keinen Abschluss machen kann.

Daniel Pöschl steht mit beiden Beinen im Leben. Neben seinem fordernden Vollzeitjob als Vertriebsmitarbeiter im Außendienst ist er dabei, auch privat wichtige Schritte zu setzen: Diesen Sommer wird er heiraten und die Planungen für die zukünftige Eigentumswohnung sind im vollen Gang. Gleichzeitig besucht er seit etwas mehr als einem Jahr das Abendgymnasium Salzburg, wo er schon einiges erreicht und aufgrund seiner besonnenen und zielstrebigen Art reden von sich gemacht hat. Und trotzdem, wenn man ihm begegnet, strotzt er vor Freundlichkeit und Energie ...

von Gerhard Ennsberger-Schmiedjell | | Einblicke

Herr Pöschl sitzt im Auto. Oft. Das Gebiet, für das er beruflich zuständig ist, erstreckt sich von Vorarlberg bis nach Oberösterreich, mehrstündige Autofahrten sind die Folge. Verglichen damit wirkt die Distanz zwischen Mattsee und dem Abendgymnasium wie eine Spazierfahrt. Jeden Montag- und Donnerstagabend fährt er von seinem Wohnort nach Salzburg, um gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen aus der 3K die Matura im Fernstudium am Abendgymnasium Salzburg nachzuholen. Schritt für Schritt. Ebenso muss er für schulische Arbeits- und Lernaufträge, die zuhause zu leisten sind, einiges an Energie aufwenden. Zeitlich kann es da schon eng werden.

„Natürlich ist die Belastung groß. Für den letzten Test habe ich bis um halb zwei in der Nacht gelernt, am nächsten Tag um sechs auf, Arbeit, und dann von sechs bis um zehn Abendgym., dazwischen der Test. Teilweise ist das schon am Limit.”

Daniel Pöschl

Dennoch möchte es Herr Pöschl nicht anders. Mit seinem Beruf, der für ihn oberste Priorität hat, sichert er sich seine Zukunft. Aber auch das Abendgymnasium ist ihm wichtig und bedeutet für ihn viel mehr als bloß den Weg zum Maturazeugnis. Er möchte sich ein möglichst breites Allgemeinwissen aneignen, um Zusammenhänge besser zu verstehen, sich in Gesprächen besser einbringen zu können. Für seine Arbeit hat dies zwar unmittelbar keinen Vorteil, weder eine höhere Position noch mehr Gehalt, doch für sich selbst erkennt er den Mehrwert der Bildung:

Vorhandene Interessen wahrzunehmen, unbekannte Interessen zu entdecken, vorhandene Talente zu stärken und unbekanntes Potential freizulegen – das bedeutet für ihn der abendliche Unterricht. Dabei war seine Haltung nicht immer so. Als er im Alter von 10 Jahren von der Volksschule ans Gymnasium wechselte, begann für ihn der kurvige Weg, zu dem er heute steht und den er nicht missen möchte.

„An den Erfahrungen bin ich massiv gewachsen. Der Weg, den ich zurückgelegt habe, ist verantwortlich dafür, was ich heute bin.”

Das Gefühl, ein Fremdkörper in einer anderen Welt zu sein.

Und seine Erfahrungen sind vielzählig. Ebenso die Schultypen, die er durchlaufen hat. In seiner Kindheit besuchte er eineinhalb Jahre ein Gymnasium. Heute erinnert er sich vor allem an die für ihn belastende Atmosphäre der Unterstufe. Dazu trug einerseits das ungewohnte "Sie" gegenüber den Lehrerinnen und Lehrern bei, andererseits das Gefühl, ein Fremdkörper in einer anderen Welt zu sein. Als sich überdies die Eltern scheiden ließen, wechselte er an die Hauptschule, wo er den familiären Umgang schätzte und sich wieder wohler fühlte. Es folgte die 1. Klasse HTL, nach einem "Nicht Genügend" in Mathematik und Physik dann der Umstieg in die HAK. 


Lernfaul sei er zwar schon gewesen, jedoch habe er sich in dieser Zeit dumm gefühlt und in der Schule vor allem sein Versagen wahrgenommen. Die Lehrer_innen von damals hätten ihn in dieser Selbsteinschätzung immer weiter bestärkt und so kam es zu einer Abwärtsspirale, worauf er die HAK nach dem dritten Jahr abbrach. Er wollte nicht mehr lernen, stattdessen arbeiten. Doch nach einem halben Jahr kam er zurück, legte eine Umstiegsprüfung ab, um zumindest die HASCH abzuschließen. Aber auch das ging nicht reibungslos: Seine Jugend lebte er kompromisslos aus, Lernen hatte wenig Wert und es fehlte die Motivation.

In einer gewissen Art ermöglicht mir das Abendgym, meine Vergangenheit umzuschreiben.

Diese Erinnerungen sind mittlerweile eingeordnet, die Selbstzweifel überwunden. Anhand seines beruflichen Werdegangs und anhand berufsbegleitender Fortbildungen hat Herr Pöschl gesehen, was er leisten und erreichen kann. Auch die vielen Erfolgserlebnisse am Abendgymnasium helfen ihm dabei, den Bildungsweg seiner Jugend neu zu bewerten und für sich zu klären, warum früher einiges nicht so gelaufen ist, wie es vielleicht möglich gewesen wäre. Die Noten, die er in den letzten beiden Semestern angesammelt hat, sind der beste Beweis für seine heutige Einschätzung: Bis jetzt steht als schlechteste Note "Gut", mehrheitlich sogar "Sehr Gut" in seinen Zeugnissen.

„Die eine Tätigkeit nährt die andere. Und so soll es sein.”

Daniel Pöschl

Das gibt einem natürlich einen "Ego-Boost" und viel Energie, stellt Herr Pöschl fest, was dann wiederum im Beruf und im Privaten hilft, die täglichen Herausforderungen zu lösen. Und umgekehrt kann man sich im Beruf und im Privaten Kraft für das Abendgymnasium holen. Ein Ereignis, aus dem er besonders viel Motivation schöpfen kann und an das er sich gerne erinnert, ist beispielsweise seine vorgezogene Geographie und Wirtschaftskunde Matura, die er am Ende des 2. Semesters, Anfang Februar ablegen konnte: Nach der Notenbekanntgabe kam die Maturavorsitzende, die Direktorin eines Salzburger Tagesgymnasiums, auf ihn zu, bedankte sich für die hervorragende Prüfung und merkte freundlich an, dass sie von seinem Auftreten und von seiner Leistung beeindruckt gewesen sei.

„Ich muss immer darauf achten, die Learn-Life-Balance nicht zu verlieren.”

Trotzdem dürfe man sich nichts vormachen und müsse realistisch sein. So erhebend vieles sein mag, so frustrierend ist es manchmal. Besonders die Wochenenden sind nicht mehr das, was sie einmal waren: Immer wartet eine Aufgabe, ein Test, eine Schularbeit – und die Entscheidung, was man nun vernachlässigt, wo man Abstriche macht. Die Zwickmühle ist offensichtlich: Stunden nichts zu tun, einfach zu genießen, ohne an seine schulischen Pflichten zu denken, ist schwer. Ebenso aber, sich rechtzeitig zum Lernen aufzuraffen, wenn der Zeitdruck noch nicht akut ist. Man hat zwar ein schlechtes Gewissen, doch muss einem klar sein, auf welch dünnem Eis man sich bewegt und wo die eigenen Grenzen liegen. Vor allem dann, wenn man dem Beruf die oberste Priorität einräumt und die Freizeit zwischen Leben und Lernen aufteilen muss.

"Im Moment spüre ich die Lust, alles hinzuschmeißen.", hört man da auch gelegentlich aus dem Mund von Herrn Pöschl, nur sind solche Aussprüche für ihn Teil der psychischen Hygiene. Irgendwie muss das Gefühl ja nach draußen und dann geht es wieder leichter.

Mein Leben dauert länger als die Schule.

Von daher sei es gut, dass die Lehrerinnen und Lehrer am Abendgymnasium Verständnis zeigen. Auch wenn man einmal einen Tiefpunkt durchwandert und sich mit dem Gedanken vertröstet, es gebe ja noch ein Leben nach der Schule, reagieren sie empathisch, versuchen zu motivieren, lenken den Blick auf das Positive, auf das Erreichte, auf die persönlichen Ziele und unterstützen, so gut es geht. Das Verhältnis beschreibt Herr Pöschl als partnerschaftlich, man begegnet sich auf Augenhöhe. Und überdies gibt es die sozialen Kontakte, die entstandenen Freundschaften zu Klassenkolleginnen und -kollegen, die einen auffangen, Zuversicht vermitteln und helfen. All das, den Wechsel zwischen Ernüchterung und Euphorie, zwischen Besorgnis und Bestätigung sieht Herr Pöschl als Teil des Spiels.

„Jeder Tag besitzt in sich einen Mehrwert, der größer ist als die aufgebrachte Energie – trotz aller Mühen und Aufwendungen – auch wenn es sich manchmal anders anfühlt.”

Zum Schluss: Wie alles begann.

Sein Vorhaben, die Matura berufsbegleitend zu machen, entwickelte sich langsam. Zuvor hatte er immer wieder mit seiner Partnerin und deren Bruder darüber gesprochen, wie wichtig ihm Bildung sei und wie gerne er sich weiterbilden möchte. Im Lauf der Gespräche erfuhr er, dass beide das Abendgymnasium besucht hatten, bevor seine Partnerin die Schule im 4. Semester berufsbedingt abbrechen musste und ihr Bruder erfolgreich maturierte.

Angestachelt von diesen Gesprächen entstand bei Herrn Pöschl der Plan, im Februar 2017 einzusteigen, doch dann griff er bereits ein Jahr früher zum Telefon und rief den Direktor des Abendgymnasiums an. Dieser meinte, er solle in einer Woche, Montag, 18:45, in die Schule kommen. Es würde ins neue Semester gestartet, es ginge bald los.

Herr Pöschl kam – ohne große Erwartungen. Wenn es geht, dann geht es, dachte er. Aber er kam. Und darüber ist er bis heute froh.
 

Daniel Pöschl

Gewusst wie...

Abendgymnasium Salzburg

Inhalt anzeigen

Dauer: 2-8 Semester (je nach Anrechnung von Zeugnissen höherer Schulen)

Form: je nach persönlichem Stundenplan zwischen 17:05-21:55; Regelstudium (5 Tage die Woche); Fernstudium (2 Tage die Woche)

Voraussetzungen:

  • Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht
  • Mindestalter 17 Jahre
  • Berufliche Tätigkeit

Kosten: keine

Abschluss: Matura

Telefonnummer: 0662/434575-0

Hilfreiche Links: Abendgymnasium Salzburg 

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Schlagwörter: Abendgymnasium, Matura
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von Gerhard Ennsberger-Schmiedjell
Gerhard Ennsberger-Kranabitermask

Über den Autor

Gerhard Ennsberger-Schmiedjell

Der leidenschaftliche Fußgänger ist Lehrer am Abendgymnasium Salzburg für Deutsch und Religion. Während der Versuche, die Fensterbänke seiner Stadtwohnung zu begrünen, sehnt er sich nach wirklich frischer Luft. Und der Ruhe, die richtig dicken Wälzer der Weltliteratur zu beackern.

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