Mein ganz normaler Tag...

"Wer bin ich? Und was ist mein Produkt, das ich täglich bis zu viermal anbiete: Ich biete mich, meine Expertise und meine Erfahrung, meine Arbeitskraft an. Tag für Tag."

von Helmut Moser | | Angeeckt

Bis zu vier Termine bringe ich an einem Tag unter. Um 6.00h aufstehen, Morgentoilette, für ein ausführliches Frühstück muss auch noch Zeit sein, da die Termine, die ich wahrnehme, sehr anstrengend sind. Da kann eine gute Unterlage nicht schaden. Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg. Bei der Firma, bei der ich den ersten Termin habe, öffnet sich die automatische Eingangstür, ich bin beeindruckt. Eine Empfangshalle aus teuerstem Marmor. Da stehe ich und warte. Auf einmal höre ich das muntere Klackern von Stöckelschuhen am Marmorboden. Eine sympathische Empfangsdame kommt mir entgegen, um mich zu begrüßen, und mir den Weg ins Besprechungszimmer zu zeigen, wo ich mich gleich mit einem aus der Geschäftsleitung oder/und einem Stellvertreter treffe.

Über die Aussagekraft von Kaffee

Die Termine, die ich wahrnehme, finden fast ausschließlich in Besprechungszimmern mit angenehmsten und teuersten Ledersesseln statt. Da es den Firmen nach der Bankenkrise angeblich so schlecht geht, ist es fast eine Pflicht, im Eingangsbereich, das ist ja der erste Eindruck, den man von einer Firma hat, wenn man bei der Tür hereinkommt, zu zeigen, was man sich trotz Bankenkriese alles leisten kann.

Das Besprechungszimmer, in dem alle wichtigen und somit auch meine Besprechungen stattfinden, muss natürlich auch mit Ledersesseln vom Feinsten ausgestattet sein. Wer einen Kaffee braucht, um die langweiligen Besprechungen durchzustehen, bekommt ihn von einer der teuersten Kaffeemaschinen, die derzeit am Markt sind. Man kann überall sparen, nur nicht beim Empfang, Besprechungszimmer und bei der Kaffeemaschine. Man will ja schließlich ordentlich Eindruck machen.

Keiner, vor allem kein Mitbewerber, darf merken, dass die Firma kurz vor der Insolvenz steht. Nach dem ersten Small Talk werde ich noch gefragt, ob ich einen Kaffee möchte, die Qualität des Kaffees entspricht zwar nicht dem ersten Eindruck, aber was soll's, irgendwo muss man ja mit dem Sparen beginnen. Mein Kaffee wird mir von der Empfangsdame mit einem Glas Wasser serviert.

Ich trinke den Kaffee auf jeden Fall, denn wenn ich es geschickt anpacke, bekomme ich pro Firma dreimal einen Kaffee geschenkt. Man rechne die Ersparnis hoch, heutzutage kostet ja ein Kaffee im Cafehaus ca. € 2,80.

Ich wiederhole das ganze Prozedere bis zu dreimal, so kann ich mein Budget ein wenig entlasten. Aber jetzt zurück zum Thema. Bei im Schnitt vier Terminen pro Tag, kann man sich an das Ambiente in den Besprechungsräumen gewöhnen, nein ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, im Laufe der Jahre sind sie schon fast mein zweites Wohnzimmer geworden. Der Small Talk geht weiter. Und zwar mit Fragen wie "Hatten Sie eine angenehme Fahrt, haben Sie uns gleich gefunden …" Nun kommt noch ein ziemlich langeiliger Teil, der Geschäftsführer präsentiert die Firma, wie gut sie gegenüber den Mitbewerbern ist und was sie nicht alles besser machen als der Rest der Welt. Da ist der Punkt, wo ich mich geistig immer ausklinke und innerlich vor der Türe warte, bis es wieder interessant wird, dann kann ich auch wieder mitreden.

Was ist mein Produkt?

So jetzt bin endlich ich am Wort. Ich stelle mich und mein Produkt kurz vor. Dann kommen die Fragen. "Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?" Was wird ein normaler Mensch schon darauf antworten? "Auf Ihrem Sessel natürlich, wo sonst, denn ich bin der bessere von uns beiden." Die Stimmung ändert sich, oder kippt ganz, sobald es darum geht, was die Firma für mein Produkt zahlen soll, oder besser, bereit ist zu zahlen, da sind oft tiefe Gräben, die kaum überwunden werden können. Endlich die letzte Frage. "Haben Sie noch Fragen zu uns oder dem Unternehmen?" Um diese Frage zu beantworten, habe ich mir Laufe der Zeit, ein paar Scheinfragen zurechtgelegt, um nicht uninteressiert zu wirken. Das Gespräch ist vorüber, ich gehe durch die elegante Eingangshalle zum Parkplatz.

Wer bin ich? Und was ist mein Produkt, das ich täglich bis zu viermal anbiete: Ich biete mich, meine Expertise und meine Erfahrung, meine Arbeitskraft an. Tag für Tag. Ja, ich bin einer der 400.000 Arbeitslosen in Österreich. Schauen Sie einfach einmal in Ihren Besprechungsraum, vielleicht trinke ich gerade dort Ihren Superkaffee.

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Schlagwörter: Arbeitssuche, Bewerbung
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von Helmut Moser
Helmut Mosermask

Über den Autor

Helmut Moser

Helmut Moser ist Techniker mit Leidenschaft oder besser technischer Zeichner. Aufgrund der Situation am Arbeitsmarkt orientiert er sich neu. Helmut hat die Ausbildung zum Dipl. Mentaltrainer absolviert und arbeitet gemeinsam mit einem ehemaligen Arbeitskollegen am Aufbau eines mentalen Trainingscenters.

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