Tischler:in: Lehre mit kreativem Potenzial

Bauchgefühl, Neugier oder Leidenschaft für eine ganz andere Tätigkeit können dem eigenen Karriereweg oft eine neue Richtung geben.

Ein Tischler, der Theologie studiert hat. Ein Tischler, der nun Bier braut. Und eine Frau, die erst Menschen mit Behinderung betreut hat, dann Polizistin war – und nun Tischlerin wird.

von Michaela Hessenberger | Lest mehr zum Thema:
2. Bildungsweg, Berufsgeschichten, Berufswechsel, FiT - Frauen in die Technik, Lehre für Erwachsene
Ein Mann steht in einer Brauerei

Auf zur Tischlerlehre mit 35 Jahren: Einen Weg, den ihr das Bauchgefühl schon lange zugeflüstert hatte, geht Bettina Gratzer seit März. Sie trat ihre Tischlerlehre an. „Es brauchte schon ein bisschen Vorbereitungsarbeit und Recherche, bis ein Lehrbetrieb gefunden und klar war, dass es in Sachen Lehre ja eine verkürzte Variante für Erwachsene gibt“, erzählt Gratzer. Doch der Reihe nach.

Die Wahl-Salzburgerin hat einen recht geraden Bildungsweg beschritten. Zumindest am Anfang. Auf die Matura in der HLW für Kultur- und Kongress-Management im oberösterreichischen Steyr folgte das Pädagogik-Studium an der Universität Salzburg. Statt dieses mit der Bachelor-Arbeit abzuschließen, entschied sich die Studentin für die Praxis und die Arbeit mit Menschen, nämlich in der Lebenshilfe. „Nach einem Praktikum wurde ich übernommen. Das war das Aus für mein Studium, denn im Wohnhaus und in der Werkstatt hat es mir einfach viel besser gefallen als im Hörsaal.“ Fünf Jahre ist sie dortgeblieben, dann durfte etwas Neues kommen. Den Anstoß lieferte Gratzers Opa, der sagte: „Dirndl, die Polizei, die wär‘ doch was für dich!“

Von der Lebenshilfe zur Polizei – und weiter

Gesagt, getan. So absolvierte die junge Frau die Polizeischule in Großgmain, bevor sie ihren Dienst in der Polizeiinspektion Rathaus in Salzburg antrat. Ihr Ziel: „Draußen unterwegs sein und Menschen helfen.“ Nicht nur wegen der unmittelbaren Nähe zur Party-Meile der Mozartstadt sind die Aufgaben rund um das Rathaus sehr intensiv. Für Gratzer stellte sich schnell heraus, dass permanente 60- bis 70-Stunden-Wochen zu intensiv waren und sie fasst zusammen: „Zu viele Überstunden, zu wenig Struktur, zu viel Verwaltungsaufwand.“ Daher machte sie sich auf zu anderen Herausforderungen.

Endlich auf das Bauchgefühl hören

Der Gedanke, der die wissbegierige Wahl-Salzburgerin bei jedem einzelnen beruflichen Richtungswechsel leise begleitete, war jener ans Tischlern. Laut darüber gesprochen hat sie lange nicht, denn mit 25 Jahren dachte sie sich: „Ich kann doch in meinem Alter keine Lehre mehr machen“. Dasselbe Gedankenspiel wiederholte sich alle paar Jahre – bis sie schließlich ihrem Wunsch nachgab, Nägeln mit Köpfen machte und bei der Tischlerei Kurz in Elsbethen vorstellig wurde. Dort zeigte man sich erfreut über die lernwillige Mittdreißigerin und auch darüber, dass das AMS ihren Berufswechsel fördert. Grundlegende Informationen hat Gratzer bei Frau und Arbeit eingeholt; ihre Beraterin hat sie über das Programm „Frauen in Technik“ (FiT) informiert, in dessen Rahmen sie ein Praktikum in der Tischlerei Kurz zum Schnuppern machen konnte. „Damit wollte ich mir klar darüber werden, ob der Job wirklich zu mir passt, bevor ich die fixe Zusage geben kann“, berichtet sie und erzählt weiter: „Die Arbeit liegt mir, Chef und Team sind super. Dass ich eine Frau bin, hat gar keine Rolle gespielt.“ Als sich Tischlerei-Chef Thomas Kurz und Bettina Gratzer einig waren, kündigte der angehende Lehrling schließlich beim letzten Arbeitgeber.

Gratzer weiß, dass sie kein klassischer Lehrling ist. Als angehende Tischlerin steht ihr Beruf auf der Green-Jobs-Liste, was ihr einen kleinen monatlichen Umwelt-Bonus sichert. In den kommenden drei Jahren ist Geld definitiv ein Thema. Was sie während der Lehrzeit überwiesen bekommt, berechnet das AMS aus ihrem vergangenen Verdienst. Und auch die Berufsschule in Kuchl wartet auf Bettina Gratzer, die überzeugt ist: „Endlich auf mein Bauchgefühl zu hören, ist der beste Schritt für mich.“

Hölzernes Sprungbrett in andere Branchen

Während Bettina Gratzer sich auf den Weg zur Tischlerin macht, sind zwei Männer in die genau umgekehrte Richtung gegangen. So wie sie gibt es etliche gelernte Tischler, die dann in komplett anderen Branchen Fuß fassen. Hermann Signitzer hat als Bursch von 1991 bis 1996 die HTBLA Hallstatt, Fachrichtung Möbelbau und Innenausbau, besucht. Signitzer erinnert sich: „Gleich nach der Matura ging es ab nach Tirol, nach Erpfendorf in die kleine Altholztischlerei Friedl. Die gibt es heute noch. Prägnanteste Erfahrung war wohl, dass ich ganz viel Theorie aus der Schule intus hatte, aber nicht wusste, wie das jetzt in der Werkstatt umzusetzen war. Relativ schnell holte ich den „Praxismangel“ auf. Ich habe mich in den wohlriechenden Duft von Lärche, Kiefer und Zirbe verliebt und hatte größte Freude am Anfertigen von Holzverbindungen.“ Bis zu seinem Präsenzdienst ein dreiviertel Jahr später war er dort tätig.

„Ich habe mich in den wohlriechenden Duft von Lärche, Kiefer und Zirbe verliebt und hatte größte Freude am Anfertigen von Holzverbindungen.”

Vom Tischler zum Theologen

Weil Hermann Signitzer zu dieser Zeit „wahrscheinlich viel zu neugierig auf diese Welt“ war, als sich dem Tischlerhandwerk allein zu verschreiben, wollte er andere Branchen sehen, anderes entdecken. Die Neugier des Mattseers ging jedenfalls in Richtung Theologie und er entschied sich für das Studium. Heute ist er in der Erzdiözese Salzburg im Seelsorgeamt beschäftigt als Referent für Tourismus- und Freizeitpastoral, Gemeindeentwicklung sowie Missionarische Pastoral. Und das Tischlern? „Das Gelernte kommt mir immer wieder zugute!“

Oberösterreicher tauscht Holz gegen Hopfen

Schauplatzwechsel an den Attersee. In Steinbach steht mit der Bierschmiede eine Anlaufstation für Freundinnen und Freunde des handgemachen Hopfengetränks. Das Handwerk erledigt, gemeinsam mit Inhaber Mario Scheckenberger, der 38 Jahre alte Christian Harringer aus Pilsbach bei Vöcklabruck. Auch er ist, wie könnte es anders sein, gelernter Tischler. Denn bevor er seiner Leidenschaft, dem Bierbrauen, hauptberuflich nachging, war er 15 Jahre lang als solcher unterwegs. Doch bei der schweren körperlichen Arbeit – es gibt viel zu tragen und ein großer Teil der Arbeit passiert auf den Knien – wurden ihm seine Grenzen bewusst. Schmerzhafte Sehnenscheiden- und Schleimbeutelentzündungen bekräftigten seinen Wunsch nach einem Jobwechsel.

Das Bierschmiede-Duo kreiert jedes Bier von der Pieke auf selbst; und weil „Bier machen das eine und Bier verkaufen das andere“ ist, ergänzen sich die beiden Männer mit ihren Talenten und Aufgaben ideal.

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Frau & Arbeit

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Frau & Arbeit bietet:

  •  kostenlose Beratung
  • Coaching
  • Workshops

für Frauen zu Fragen rund um das Berufsleben. Das Angebot von Frau & Arbeit richtet sich an Frauen jeden Alters, die Unterstützung bei der beruflichen Integration und/oder Entwicklung ihrer beruflichen Fähigkeiten und Ziele suchen.

Einfach telefonisch oder online Kontakt aufnehmen unter: 0662/ 880723-10 oder info@frau-und-arbeit.at.

Alle weiteren Infos findet ihr auf: 

www.frau-und-arbeit.at

Zuletzt aktualisiert am: 14.12.2020

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Lehre für Erwachsene

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Eine Lehre ist grundsätzlich in jedem Alter möglich, wenn die Pflichtschule erfolgreich abgeschlossen wurde.

Wenn Erwachsene sich für eine Lehre entscheiden, können sich die Rahmenbedingungen für die Ausbildung jedoch verändern.

Wenn Personen bei Ausbildungsbeginn über 18 Jahre alt sind, können folgende Wege passend sein:

  • Ausnahmsweise Zulassung zur Lehrabschlussprüfung:
    für Erwachsene, die die erforderlichen Fertigkeiten und Kenntnisse im angestrebten Lehrberuf nachweisen können (z.B. mit einschlägiger Anlern- oder Hilfskrafttätigkeit mindestens im Ausmaß der Hälfte der Zeit für den entsprechenden Lehrberuf)
  • eine verkürzte Lehrzeit:
    für Personen mit Fachschulabschluss, anderem Lehrabschluss oder Matura
  • Projekt "Du kannst was!" der Arbeiterkammern Österreich:
    für Personen, über 22 Jahre, mit mehrjähriger Berufserfahrung, die in einem 4-stufigen Verfahren für eine begrenzte Liste an Lehrberufen unkompliziert zu einem Lehrabschluss kommen können. https://sbg.arbeiterkammer.at/dukannstwas
  • "Duale Akademie" der Wirtschaftskammer Österreich:
    für AHS-Maturant:innen, die in zwei bis maximal drei Jahren eine maßgeschneiderte Ausbildung zur Fachkraft mit Lehrabschluss aus einer Liste an zukunftsorientierten Berufen erhalten. https://www.dualeakademie.at/salzburg/home.html

Fördermöglichkeiten:

Je nach Alter, Erwerbstätigkeit, Bildungsabschluss etc. gibt es für Personen über 18 Jahre unterschiedliche Möglichkeiten, die Lehrausbildung zu fördern (z.B. durch AMS oder WKO). Zudem kann eine Lehre auch im Rahmen der arbeitsplatznahen Qualifizierung (AQUA) absolviert werden, wo die Kosten für die Deckung des Lebensunterhalts gesichert sind.

Für einen umfassenden Überblick über deine Fördermöglichkeiten bitte Kontakt bei der BiBer Bildungsberatung www.biber-salzburg.at und unter BILDUNGSLINE: 0800 208 400 // frage@bildungsberatung-salzburg.at

(Erstellt am 25.03.2024 von Laura Eder, BA, BiBer Bildungsberatung)

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FiT: Frauen in Handwerk und Technik

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FiT: Frauen in Handwerk und Technik

Die Angebote des FiT-Programms: Frauen entdecken ihre Stärken und Interessen für Handwerk und Technik und verbessern ihre Karrieremöglichkeiten und Jobchancen. 

Voraussetzungen: 

  • Arbeitssuchende Frauen (Wenn diese während der Ausbildung eine Arbeitsstelle finden, können sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder in eines der Module einsteigen)
  • Besuch einer rund 12wöchigen Basisqualifizierung

Finanzierung:

  • Über AMS / Für die Dauer der Teilnahme -  Arbeitslosengeld oder eine Beihilfe zur Deckung des Lebensunterhalts

Ablauf:

  • Entscheidung für einen handwerklich-technischen Beruf  
  • Kurs "technische Vorqualifizierung" eine Basisqualifizierung für die anschließende Qualifizierung  
  • Praktikum: 2 bis 4 Wochen  (Einblick in die technisch-handwerkliche Arbeitswelt)
  • Beratung und Begleitung

Während der gesamten Ausbildung können die Frauen eine Beratung und Begleitung bei Fragen der Kinderbetreuung, Lernunterstützung, etc. in Anspruch nehmen.

Abschluss:

  • Lehrabschluss oder einem vergleichbaren Schulabschluss.
  • Auch eine Ausbildung in einer naturwissenschaftlich- technischen Fachhochschule oder in einem technischen Kolleg ist möglich.

Hilfreiche Links:

Zuletzt aktualisiert am: 14.12.2020

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Green Jobs

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Was ist eigentlich ein Green Job?

Unter „Green Jobs“ versteht man Arbeitsplätze im Umweltsektor, die in der Herstellung von Produkten, Technologien und Dienstleistungen Umweltschäden vermeiden und natürliche Ressourcen erhalten. Der Hauptzweck besteht darin, einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten, weshalb in allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen Green Jobs gefunden werden oder sich bestehende Berufsbilder zu Green Jobs umwandeln können.

Beispiele für Green Jobs sind unter anderem in folgenden Bereichen zu finden:

  • Erneuerbare Energien
  • Energieeffizienz
  • Nachhaltiges Bauen und Bauwesen
  • Umwelttechnik
  • Öffentlicher Nahverkehr
  • Nachhaltige Landwirtschaft
  • Umweltberatung und Umweltmanagement

Fördermöglichkeiten

In Österreich gibt es unterschiedliche Fördermodelle, wenn man im Bereich der Green Jobs eine Aus- oder Weiterbildung anstrebt oder als Arbeitgeber:in in klimarelevanten Lehrberufen ausbildet. Dies ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Vor allem aber in Wien gibt es diesbezüglich ein breites Angebot, wie den Wiener Arbeitnehmer:innen Förderungsfonds Waff mit Fördermöglichkeiten für u.a. umweltfreundliche Bildungsmaßnahmen oder die Umweltstiftung Aufleb.

Aber auch auf der Liste des Fachkräftestipendiums oder der FiT-Liste (Frauen in der Technik) sind u.a. Green Jobs zu finden. Für Lehrlinge, die sich bereits in einem aufrechten Lehrverhältnis befinden, gibt es außerdem die Möglichkeit des sogenannten Digi Schecks, wo u.a. Bildungsmaßnahmen zu Themen, wie Klimaschutz, Nachhaltigkeit oder Energie- und Ressourcenmanagement förderbar sind. 

Für einen umfassenden Überblick über Green Jobs und Fördermöglichkeiten bitte Kontakt bei der BiBer Bildungsberatung www.biber-salzburg.at und unter BILDUNGSLINE: 0800 208 400 // frage@bildungsberatung-salzburg.at

(Stand: 25.03.2024, erstellt von Laura Eder, BA, BiBer Bildungsberatung)

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CC BY

Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.

von Michaela Hessenberger
Michaela Hessenberger

Über die Autorin

Michaela Hessenberger

Journalistin, Texterin, Netzwerkerin, Reise- und Bildungs-Fan.

Sie schreibt für Zeitungen und Magazine, Webseiten und Blogs, mag Menschen-Geschichten und das Überraschende.

www.michaelahessenberger.at

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