Ich wollte schon immer maturieren.

Kann man als Selbständige ein Geschäft führen, gleichzeitig als alleinerziehende Mutter einen Haushalt schaukeln, abends die Schule besuchen und die Matura ablegen: und all das mit Migrationshintergrund?

Die Geschichte von Tenzin Youdon zeigt, dass Vieles möglich ist – und es gar keine anderen Beweggründe braucht als den tiefen Wunsch nach Bildung.

von Gerhard Ennsberger-Kranabiter | | Einblicke

Tenzin Youdon studiert im vierten Semester Pädagogik an der Universität Salzburg und lernt gerade für die letzte Prüfung, die sie noch aus dem alten Semester offen hat. Sie ist begeistert von ihrem Studium und empfindet dieses als Bereicherung für ihr Leben – nicht nur, aber auch wegen ihrer achtjährigen Tochter und ihres zweijährigen Sohnes. Dabei wäre das Pädagogikstudium gar nicht die erste Wahl von Frau Youdon gewesen – sondern Germanistik.

"Deutsch ist eine schwere Sprache"

Ausschlaggebend dafür wäre ihr Wunsch gewesen, Deutsch so zu beherrschen, als wäre es ihre eigene Muttersprache. Heute merkt man ihr im Gespräch nicht an, dass sie diese Sprache erst mühsam erlernen musste. Zuerst an der Volkshochschule, später in einem Deutsch-Kurs der Universität und – nachdem schon ein gewisses Niveau erreicht war – am Abendgymnasium Salzburg. Sie erinnert sich, wie schwierig besonders der Anfang war, als sie vor jedem Satz lange Zeit nachdenken musste, um möglichst wenig Fehler zu machen. Besonders der oft gehörte und oft zitierte Ausspruch: „Deutsch ist eine schwere Sprache“, wirkte wie eine Blockade für sie. Was sollte sie denken, wenn selbst Muttersprachler_innen diesen Satz sagten? Sollte sie das motivieren?

Sie war über den Satz verärgert und ignorierte ihn, denn es war für sie unerheblich, ob Deutsch schwierig oder leicht sei, sie wollte die Sprache können und darin investierte sie ihre Energie. Sie wollte die Sprache nicht als Ausrede anerkennen, sondern sich auf diese konzentrieren. So sah sie später die Fächer am Abendgymnasium auch immer als Gelegenheit, um mit der deutschen Sprache vertrauter zu werden und die eigene Ausdrucksfähigkeit zu erweitern: vor allem in Bereichen, die den Bedarf der alltäglichen Verständigung übersteigen. Mittlerweile bekommt Frau Youdon von der Landespolizeidirektion Aufträge zu dolmetschen. Und Deutsch ist eine der sechs Sprachen, die sie spricht: neben Englisch, Hindi, Nepalesisch, Bhutanesisch und ihrer Muttersprache Tibetisch.

"In Indien könnte ich mir das nicht vorstellen"

Tibet, das Herkunftsland ihrer Eltern, hat sie bis heute nicht gesehen, denn sie wurde 1981 in Indien als Exil-Tibeterin geboren. Ihr Vater, der sich stark für die tibetische Exilregierung engagiert, geriet dort bald in das Fadenkreuz der indischen Terrorgruppe Alpha. Überdies werden Tibeter in Indien nur als Gäste anerkannt, was dazu führt, dass sie dort zwar leben können, aber kaum Möglichkeiten finden, sich eine Identität aufzubauen und sich selbst zu verwirklichen.

Deshalb kehrte Tenzin Youdon, als sie Ende 2002 ihre Schwester in Österreich besuchte, nicht mehr zurück, beantragte bis zu ihrer Einbürgerung in Österreich regelmäßig Aufenthaltsvisa, lernte Deutsch und arbeitete im Geschäft ihres Schwagers, das sie Ende 2006 übernahm und als „Tibet-Shop“ weiterführte. Die Bildungskarriere, die Frau Youdon bisher zurückgelegt hat, wäre, wie sie sagt, in Indien unvorstellbar gewesen – vor allem, nachdem sie 2008 Mutter geworden war: Denn in der indischen Gesellschaft werden Frauen ab der Geburt eines Kindes auf den Haushalt beschränkt, Bildung spielt von da an keine Rolle mehr im Leben einer Frau. Für die Möglichkeiten, die Tenzin Youdon in Österreich offen standen, ist sie überaus dankbar.

Tenzin Youdon

"Ich hatte keinen Plan, was ich nach der Matura machen wollte."

Schon immer fühlte sie den Wunsch, die Matura zu machen. Wenn sie aber jemand fragte, was sie danach mit der Matura vorhabe, hatte sie keine Antwort parat:

Ihr ging es vor allem darum, andere Perspektiven kennenzulernen, ihren Horizont zu erweitern. Das Wissen selbst, die Aha-Erlebnisse machten für sie den Reiz aus. Und diese Wissbegierde trägt sie heute noch in sich, da diese die eigentliche Motivation hinter ihrem Universitätsstudium darstellt.

Anfangs wusste sie jedoch gar nicht, dass das Abendgymnasium Salzburg existiert. Erst eine Freundin gab ihr diesen Hinweis, worauf sie sich 2006 anmeldete. Zu dieser Zeit führte sie bereits den Tibet-Shop, von dessen Erlös sie ihren Alltag bestreiten konnte. Dieser verlangte ihr aber viel Zeit ab: Von Montag bis Samstag hatte sie ihre Geschäftszeiten, doch als Selbständige hat man ohnehin immer etwas zu tun, nie frei, wie Tenzin Youdon heute betont.

Ihr Eifer trieb sie dennoch dazu, im Geschäft Schulaufgaben zu erledigen, zu lernen, und sie fragte, wenn sie sich über ein deutsches Wort nicht sicher war, auch ihre Kundschaft. Dabei war der Tibet-Shop, den sie inzwischen an ihren Bruder übergeben hat, immer eine Herzensangelegenheit: Frau Youdon sah das Geschäft nie nur als Arbeitsstelle, sondern immer ebenso als Präsentationsraum für tibetische Kultur, als Möglichkeit, mit Menschen über Tibet ins Gespräch zu kommen.

Tenzin Youdon

"Der Wiedereinstieg als Alleinerzieherin war schwer"

Doch 2008 unterbrach Tenzin Youdon den Besuch des Abendgymnasiums. Sie bekam mit ihrem damaligen Partner eine Tochter und widmete sich ihrer Familie und dem Geschäft. Nachdem die Beziehung 2010 auseinandergegangen war, meldete sie sich 2011 erneut am Abendgymnasium an, um nun als Alleinerzieherin ihre Matura abzulegen, was ihr im Februar 2014 gelang.

Auch in dieser Zeit führte sie den Tibet-Shop untertags, am Abend ging sie in die Schule. Hier erfuhr sie große Unterstützung von ihren Verwandten, Freund_innen und Bekannten, die abends auf ihre Tochter aufpassten. Manchmal kam es jedoch vor, dass niemand Zeit hatte, und so nahm sie ihr Kind in den Unterricht mit, wo es sich, mit Malblock und Stiften ausgerüstet, die Zeit vertrieb. Und trotz mancher Rückschläge und größerer Herausforderungen in ihrem einzigen "Problemfach" Deutsch ließ sich Frau Youdon nicht von ihrem Ziel abbringen: Während ihre Deutsch-Lehrerin sie förderte und unterstützte, entwickelte sie einen noch größeren Ehrgeiz.

"Um meine Berufschancen habe ich mir noch nie Sorgen gemacht"

Nach der Matura besuchte sie nicht sofort die Universität: Sie ging eine Beziehung mit ihrem jetzigen Partner ein, ihr Sohn kam auf die Welt und sie ließ sich Zeit mit ihrer Entscheidung, ob und was sie studieren möchte.

Ausschlaggebend für die Wahl des Studiums war wieder der Wunsch nach mehr Wissen, kein Beruf. Und so macht sich die 36-Jährige keine Gedanken darüber, welchen Beruf sie ausüben möchte, nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hat. Sie vertraut auf ihre Fähigkeiten und genießt, viel zu lernen, sich auf Wissensgebiete einlassen und Gelerntes in der Praxis – auch an ihren zwei Kindern – beobachten zu können. Und vielleicht schließt sie ja ein Studium der Translationswissenschaft in Innsbruck an. Vielleicht.

Gewußt wie...

Abendgymnasium Salzburg

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Dauer: 2-8 Semester (je nach Anrechnung von Zeugnissen höherer Schulen)

Form: je nach persönlichem Stundenplan zwischen 17:05-21:55; Regelstudium (5 Tage die Woche); Fernstudium (2 Tage die Woche)

Voraussetzungen:

  • Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht
  • Mindestalter 17 Jahre
  • Berufliche Tätigkeit

Kosten: keine

Abschluss: Matura

Telefonnummer: 0662/434575-0

Hilfreiche Links: Abendgymnasium Salzburg 

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Schlagwörter: Abendgymnasium, Selbstständigkeit, Familie&Beruf
von Gerhard Ennsberger-Kranabiter
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Über den Autor

Gerhard Ennsberger-Kranabiter

Der leidenschaftliche Fußgänger ist Lehrer am Abendgymnasium Salzburg für Deutsch und Religion. Während der Versuche, die Fensterbänke seiner Stadtwohnung zu begrünen, sehnt er sich nach wirklich frischer Luft. Und der Ruhe, die richtig dicken Wälzer der Weltliteratur zu beackern.

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